Seitlicher Blick in die Aula auf die Gäste und die Referentin: Sozialarbeiterinnen lauschen zum 3. Sozialarbeiterinnen-Tag im BFW Leipzig den Fachvorträgen in der Aula.

3. Sozialarbeiter*innen-Tag: Zwischen Orientierung und Manipulation: Wie digitale Medien junge Menschen beeinflussen

Über 50 Sozialarbeiter*innen kamen am 28. Oktober 2026 zum 3. Sozialarbeiter*innen-Tag ins BFW Leipzig, um sich mit den Chancen und Herausforderungen digitaler Medien auseinanderzusetzen.

 

Unter dem Titel „Zwischen Orientierung und Manipulation. Wie digitale Medien junge Menschen beeinflussen“ bot die Fachveranstaltung spannende Einblicke in die aktuelle Forschung und mögliche Gefahren im Umgang mit sozialen Medien wie Desinformation, Manipulation aber auch Männerbildern.

Männerbilder im Netz: Auf der Suche nach Orientierung

Den ersten Fachvortrag hielt Dr. phil. Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin sowie Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Unter dem Titel „Manosphere – Junge Männer auf der Suche nach Orientierung im digitalen Raum“ stellte sie ihre Forschungsergebnisse zu Geschlechterbildern und Werten in sozialen Medien vor.

 

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie digitale Inhalte die Vorstellungen junger Männer von Männlichkeit, Beziehungen und gesellschaftlichen Rollen beeinflussen und wie sich demokratische Werte und eine kritische Haltung gegenüber Gewalt gegen Mädchen und Frauen stärken lassen.

 

An dieser Stelle kommt die sogenannte Red-Pill-Ideologie ins Spiel. In Anlehnung an den Film Matrix (1999) wird dabei suggeriert, Männer könnten durch das „Erkennen der Wahrheit“ die vermeintlichen Mechanismen einer von Frauen dominierten Gesellschaft durchschauen. Gleichberechtigung wird in diesem Weltbild nicht als Fortschritt, sondern als Benachteiligung von Männern dargestellt.

 

Doch wie lassen sich alternative Männerbilder vermitteln? Statt Jugendliche ausschließlich von ihren Überzeugungen abbringen zu wollen, sei es wichtig, an ihren Werten und ihrem Bedürfnis nach Orientierung anzusetzen. Das Forschungsteam untersuchte deshalb, wie kurze, TikTok-gerechte Videos demokratische Männerbilder fördern und eine kritische Haltung gegenüber Gewalt gegen Mädchen und Frauen stärken können.

 

Die zentrale Botschaft von Dr. phil. Maya Götz: „Neben der Vermittlung von Medienkompetenz, ist die Vermittlung von Werten noch wichtiger.“

 

Wie das praktisch aussehen kann, erprobten die Teilnehmenden selbst: Sie überlegten, welche Eigenschaften einen starken Mann ausmachen, und entwickelten daraus eine Botschaft, die junge Menschen in ihrer eigenen Sprache erreicht.

Zwischen Desinformation, Ragebait und AI Slop

Der zweite Fachvortrag widmete sich den Herausforderungen, denen junge Menschen im digitalen Raum begegnen. Dr. Carolin-Theresa Ziemer, Psychologin (M. Sc.), Verhaltensforscherin und Postdoktorandin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin im Forschungsbereich Adaptive Rationalität, sprach über „Der Umgang junger Menschen mit Herausforderungen im digitalen Raum: zwischen Desinformation, Ragebait und AI Slop“.

Dabei ging es um zentrale Fragen, die für die pädagogische Arbeit zunehmend an Bedeutung gewinnen: Was ist Desinformation und wie gefährlich ist sie? Warum sind bestimmte Menschen und digitale Systeme besonders anfällig dafür? Und wie können wir uns vor gezielten Falschinformationen schützen?

Desinformation erkennen und einordnen

In sozialen Medien verbreiten sich Informationen schnell. Dabei ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, ob Inhalte verlässlich, irreführend oder gezielt manipulativ sind. Hinzu kommen Ragebait–Inhalte, die bewusst Empörung auslösen sollen und AI Slop, also häufig massenhaft produzierte, wenig gehaltvolle oder minderwertige KI-generierte Inhalte.

Für junge Menschen kann es herausfordernd sein, solche Inhalte einzuordnen und ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Dabei spielen nicht nur Wissen und Medienkompetenz eine Rolle. Auch psychologische Mechanismen, das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit sowie das Streben nach Bedeutung und Sicherheit beeinflussen, welchen Informationen Menschen vertrauen und welche sie weiterverbreiten.

Medienkompetenz allein reicht nicht aus

Dr. Carolin-Theresa Ziemer stellte verschiedene psychologische Ansätze vor, die dabei helfen können, Desinformation besser zu erkennen. Eine stärkere Medienkompetenz allein reichen jedoch nicht aus. Neben individuellen Strategien braucht es auch strukturelle Veränderungen, beispielsweise eine stärkere Regulierung bestehender sozialer Plattformen, aber auch mehr Autonomie für Nutzer*innen.

Austausch, Diskussion und Einblicke ins BFW Leipzig

Im Anschluss an die beiden Fachvorträge bot ein Podiumsgespräch Gelegenheit, die Erkenntnisse aufzugreifen und Fragen zu vertiefen.
Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Rundgang durch das BFW Leipzig, der den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern weitere Einblicke in die Arbeit und die Räumlichkeiten des Hauses ermöglichte.

Fazit: Junge Menschen brauchen Orientierung – online und offline

Die Fachveranstaltung des Sozialarbeiter*innen-Tags hat gezeigt, wie eng digitale Medien, persönliche Wertvorstellungen und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit miteinander verbunden sind.

 

Für die pädagogische Praxis bedeutet das, Jugendliche nicht nur im kritischen Umgang mit digitalen Inhalten zu stärken. Ebenso wichtig sind vertrauensvolle Beziehungen, gemeinsame Werte und attraktive positive Vorbilder. Gleichzeitig braucht es Rahmenbedingungen, die einen verantwortungsvollen und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien ermöglichen.

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